Austro "Bergmeister" Daimler
- Mahmut Özsöz
- 29. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

1899 wurde in Wien die Österreichische Daimler-Motoren-Commanditgesellschaft Bierenz, Fischer & Co. als österreichische Niederlassung der Daimler-Motoren-Gesellschaft gegründet. Das Unternehmen produzierte Automobile, Omnibusse, Motorboote und Lokomotiven. Noch vor dem Ersten Weltkrieg erfolgte die Umbenennung nach der Telegramm-Adresse in Austro-Daimler.
In den frühen 1920er-Jahren beschäftigte Austro-Daimler mehrere Persönlichkeiten, die später Automobilgeschichte schreiben sollten. Ferdinand Porsche war als Konstrukteur tätig, Hans Stuck erzielte mit dem Modell Bergmeister zahlreiche Erfolge im Bergrennsport und trug maßgeblich zur Bekanntheit der Marke bei.

Trotz technischer Kompetenz und sportlicher Erfolge geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten. 1931 wurde die Produktion eingestellt, der letzte Austro-Daimler gebaut. Fast neun Jahrzehnte später tauchte der Name erneut auf: 2019 wurde mit dem Austro-Daimler Bergmeister ADR 630 Shooting Grand ein modernes Einzelstück präsentiert, das sich ausdrücklich auf die historische Modellbezeichnung bezog – und damit das Kapitel Austro-Daimler zumindest konzeptionell noch einmal öffnete.

Hinter dem Projekt zur Wiederbelebung des historischen Austro-Daimler-Namens steht seit 2002 der österreichische Ingenieur Roland Stagl. Über Jahre hinweg arbeitete er an der Idee, ein eigenständiges Fahrzeug zu entwickeln, das sich bewusst auf die große Vergangenheit der Marke bezieht – unabhängig von industriellen Strukturen oder Konzernlogik.
Als schließlich ausreichend finanzielle Mittel und ein Netzwerk engagierter Mitstreiter zur Verfügung standen, begann die konkrete Umsetzung. Die technische Basis bildet ein Aluminium-Spaceframe, auf dem eine eigenwillige Karosserie mit extrem langer Fronthaube und nach oben öffnenden Flügeltüren aufsetzt.

Die Formensprache ordnet das Fahrzeug keiner klassischen Kategorie eindeutig zu. Die Bezeichnung „Shooting Grand“ verweist auf eine Nähe zum Shooting Brake, interpretiert diese Gattung jedoch sehr frei. Das Heck fällt breit und voluminös aus – ein gestalterisches Statement, das polarisiert und bewusst außerhalb konventioneller Proportionen liegt. Mit einer Breite von 2,08 Metern und großzügig ausschwenkenden Türen stellt der Bergmeister nicht nur gestalterische, sondern auch ganz praktische Anforderungen, etwa bei der Parkplatzsuche. Sexy ist dieses Automobil weniger im klassischen Sinn – aber zweifellos selbstbewusst. Und genau das dürfte Teil des Konzepts sein.

Unter der langen Fronthaube arbeitet ein ebenso ambitionierter wie ungewöhnlicher Antriebsstrang. Roland Stagl kombinierte einen AMG-Sechszylindermotor mit einem 55-kWh-Akkupaket und drei Elektromotoren zu einem Hybridantrieb, dessen Systemleistung mit 1.214 PS und ein maximales Drehmoment von bis zu 1.660 Nm angegeben wurden.
Die weiteren Leistungsdaten bewegten sich auf Supersportwagen-Niveau: eine rein elektrische Reichweite von rund 250 Kilometern, eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in etwa 2,5 Sekunden sowie eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 330 km/h.
All diese Werte stammen aus Projektangaben der Entwicklungsphase. Ob sie jemals unter realen Bedingungen verifiziert wurden, bleibt offen. Der Konjunktiv ist hier bewusst gewählt – und wohl angebracht.

Unser Fazit:
Für eine Einordnung der Zukunftspläne rund um Austro-Daimler und den Bergmeister haben wir versucht, mit den Verantwortlichen in Kontakt zu treten. Unsere Anfragen blieben bislang unbeantwortet.
Umso bedauerlicher ist es, dass ein Projekt mit dieser historischen Tiefe und technischen Ambition offenbar nicht weiterverfolgt wird – zumindest nicht in einer für die Öffentlichkeit sichtbaren Form. Eine streng limitierte Auflage, etwa von 99 Exemplaren, hätte dem Bergmeister die Chance gegeben, nicht nur als Konzept, sondern als realer Teil des Straßenbildes wahrgenommen zu werden. Denn der Bergmeister ist zweifellos ein gelungenes Automobil: formal eigenständig, technisch ambitioniert und fest in der österreichischen Automobilgeschichte verankert. Er hätte es verdient, mehr zu sein als ein Randnotiz-Projekt. Bleibt zu hoffen, dass dieses Fahrzeug zumindest seinen Platz in Ausstellungen, Museen oder Sammlungen findet – als sichtbares Zeugnis dafür, dass auch in Österreich automobile Visionen mit internationalem Anspruch entstehen können.





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